In der Nacht von Bethlehem wird Gott selbst hilflos, arm und verletzlich – und gerade darin offenbart sich seine Nähe. Das Kind in der Krippe erinnert uns daran, dass Gott nicht in Macht und Glanz kommt, sondern in die zerbrechliche Wirklichkeit unseres Lebens. Weihnachten lädt uns ein, in dieser göttlichen Selbstentäußerung eine Richtung für unser eigenes Handeln zu erkennen.
Die katholische Soziallehre spricht vom Vorrang der Person und von der Option für die Armen. In der Menschwerdung Gottes wird genau das sichtbar: Gott stellt den Menschen in den Mittelpunkt und beginnt seine Geschichte nicht unter Privilegierten, sondern unter denen, die wenig zählen. Die Krippe legt Zeugnis ab für einen Gott, der sich mit den Geringen identifiziert – und uns ruft, dasselbe zu tun.
Heiliger Abend bedeutet deshalb mehr als Rührung und festliche Stimmung. Er fordert uns auf, die Würde jedes Menschen zu achten, soziale Ungerechtigkeit nicht zu übersehen und Gemeinschaft zu stiften, wo Einsamkeit herrscht. Das Kind in der Krippe lädt uns ein, Frieden zu bringen, indem wir teilen, zuhören, schützen und aufrichten.
So wird Weihnachten dort wahr, wo wir – wie Gott – Nähe wagen und Licht dorthin tragen, wo Dunkel ist.
In diesem Sinne frohe und gesegnete Weihnachten!
Michael Inden, Diözesanpräses der KAB |